Ende Oktober fand auf der Alster beim Hamburger Segel-Club die 45. Ausgabe der renommierten Meisterschaft der Meister statt. Teilnahmeberechtigt sind als Steuerleute ausschließlich Deutsche Meister sowie deutsche Podiumsplatzierte bei Welt- oder Europameisterschaften des jeweiligen Jahres und deutsche Teilnehmer hochrangiger Regattaserien wie Sail GP oder Vendée Globe. Seit 2025 dürfen auch die Gewinner von German Open Regatten mitmachen. Guido hatte die Chance bereits im letzten Jahr genutzt und zusammen mit Ben und Enno einen respektablen 19. Platz ersegelt.
Nachdem Guido dieses Jahr erneut die GO gewonnen hat, war er wieder für die MdM qualifiziert und suchte sich dieses Mal als Crew den ehemaligen Deutschen Meister im Segel-Kutter und Vereinskollegen Matthias Ott sowie meine Wenigkeit aus. Zugegeben, ich habe durch zartes Nachfragen bei dieser Entscheidung etwas nachgeholfen, denn für mich ging damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die MdM gibt es seit 1980, ich habe 1981 mit dem Segeln begonnen und diese Regatta seither mit großem Interesse verfolgt. So lesen sich die 44 Gewinnerplaketten auf den mittlerweile zwei Pokalen wie das who is who des deutschen Segelsports mit den Helden meiner Jugend wie den Gebrüdern Hunger und Diesch, Jochen Schümann, Gerd Eiermann oder Karol Jablonski. Und die beiden ersten Ausgaben 1980 und '81 hat interessanterweise der spätere Seggerling-Segler Thorsten Dmoch gewonnen.
Auch die Teilnehmerliste von 2026 enthielt klingende Namen wie z.B. den diesjährigen Weltmeister im 505er Jan-Philipp Hofmann, den 15er Jollenkreuzer Papst Jens Dannhus, den J22-Europameister Reiner Brockerhoff, den diesjährigen Deutschen Doppelmeister in den Klassen Finn Dinghy und OK-Jolle André Budzien oder den Clown-Chef und mehrfachen Meister im Pirat und Conger Julius Raithel. Interessant fand ich dabei die Tatsache, dass nicht wenige Spitzensegler über viele Jahre und teils Jahrzehnte immer wieder an der MdM teilnehmen und diese gewinnen. So hat z.B. Wolfang Hunger die MdM erstmals 1983 und zuletzt im Jahr 2002 gewonnen und der diesjährige Drittplatzierte Wolf Jeschonnek war schon im Jahr 2008 Teil der siegreichen Mannschaft. Es gibt wohl nur wenige Sportarten, bei denen man über so viele Jahre Teil der Leistungsspitze bleiben kann, wie beim Segeln. Bei den diesjährigen MdM-Teilnehmern reichte das Altersspektrum von 13 bis 73 Jahre.
Gesegelt wurde dieses Mal mit neun baugleichen J22, die teils vom HSC und teils von Privatpersonen gestellt wurden und zuvor (trimm-)technisch auf einen weitgehend gleichen Stand gebracht wurden. Diese zu dritt gesegelten, knapp 7 m langen Kielboote sind etwas gutmütiger als die durch die Segelbundesliga bekannten J70, allerdings mit Spinnaker und angehängtem Ruder durchaus agil und flott unterwegs. Für die nötige Dramatik sorgte aber v.a. das Wetter, denn nach einem langen goldenen Oktober waren ausgerechnet für dieses Wochenende die ersten Herbststürme von gleich zwei Orkantiefs über der Nordsee angekündigt. Da Guido, Matthias und ich zuvor weder miteinander, noch jemals mit einer J22 gesegelt sind, nahmen wir dankbar die Gelegenheit eines Probetrainings am Freitag Nachmittag wahr. Mit 4-6 Windstärken blies es da schon ganz ordentlich und unsere ersten Spi-Manöver taugten eher für eine Comedy als für eine Regatta. Außerdem mussten noch die Positionen von Matthias und mir ausgeknobelt werden, denn der Platz von Guido an der Pinne war natürlich gesetzt. Matthias fühlte sich erfreulicherweise auf dem Vorschiff mit der Bedienung von Fallen und Spibaum sowie dem Gewichtstrimm ganz wohl, so dass mir die etwas weniger akrobatische Rolle in der Mitte samt Bedienung vom Fock- und Spischoten zufiel. Nach rund zwei Stunden Geballer kreuz und quer über die Alster waren wir recht gut aufeinander und auf das Boot eingestellt, ich hatte allerdings auch schon einige blaue Flecken und eine leichte Knöchelzerrung zu verzeichnen.
Der Samstag startet früh um 9:00 Uhr mit der Steuerleutebesprechung, denn um 10 Uhr war bereits das erste Rennen angesetzt. Wir waren hier gleich mit von der Partie, mussten vorher also auch das Boot aufbauen. Die Verteilung der Rennen und Boote ist eine Wissenschaft für sich. Es standen 9 Boote zur Verfügung, die auf die 27 gemeldeten Crews in jeweils drei Rennen pro Fleet verteilt wurden, so dass man im Schnitt jedes dritte Rennen segelt. Allerdings änderte sich die Reihenfolge fortwährend, so dass man nach jedem Lauf zwischen einem und vier Rennen Pause hat, aber auch mal zwei Rennen direkt hintereinander fährt. Außerdem segelt man nicht dasselbe Boot, sondern tauscht die Boote ständig durch. All dies war einer Tabelle mit 324 Feldern zu entnehmen, welche die Verteilung der 27 Crews auf die 9 Boote in den geplanten 36 Läufen zusammenfasste. Klingt kompliziert? Ist es auch, aber es kam noch besser: Da eine Crew kurzfristig krankheitsbedingt absagen musste, gab es nur 26 Mannschaften, weswegen immer wieder ein Boot länger pausierte. Und nach einem schweren Crash in einem der ersten Rennen musste Boot Nr. 6 aus dem Rennen genommen werden und wurde kurzerhand durch ein Ersatzboot mit der Nr. 10 ersetzt. Noch nicht genug Verwirrung? Bitteschön: Der Wechsel der Boote findet nicht am Steg, sondern aus Zeitgründen direkt auf dem Wasser statt und der Transfer erfolgt durch drei Schlauchboote für die Boote Nr. 1-3, 4-6 und 7-9, wobei Boot Nr. 10 später ein eigenes Schlauchboot bekam. 🤪
Zur rechten Zeit auf dem richtigen Boot zu sitzen, erforderte also bereits einige Konzentration und in einem der Rennen haben wir wegen eines leicht überforderten Schlauchbootkapitäns gerade mal 1,5 Minuten vor dem Start erst unser Boot erklommen. Und dann waren da ja noch der Start (mit nur 3-minütiger Startprozedur), die Regatta selbst, die Konkurrenz und das Wetter. Letzteres hatte sich im Vergleich zum Freitag weiter verschlechtert, wenn auch zum Glück nicht ganz so schlimm wie vorhergesagt. Dennoch blies es in Böen mit bis zu 7 Windstärken, begleitet von alstertypischen Drehern und leichtem Nieselregen bei max. 10 Grad. Auch eingedenk der Kaution von 500 EUR (pro Schaden!) gingen wir die ersten Starts eher defensiv an und fanden uns zunächst im Abwind des Feldes wieder. Für mich ein gewohntes Bild, für Guido aber ja eine völlig neue Situation. 😉 Wir liessen uns davon aber nicht entmutigen, sondern segelten uns zügig frei und konnten meist auf der ersten Kreuz schon einige Plätze gut machen. Die relativ kurzen Läufe mit nur zwei up-and-down Runden begrenzten aber unsere Aufholjagden, und die anderen Crews waren natürlich alles andere als Anfänger und machten wenige bis gar keine Fehler. Letztlich beendeten wir die Rennen meistens im Mittelfeld auf dem fünften oder sechsten Platz, wobei die Felder fast immer sehr eng zusammenlagen und es häufig wahre Foto-Finishes gab. Heftige Windböen sorgten zudem immer wieder dafür, dass einzelne Boote fast bis zur Mastspitze aufs Wasser gedrückt wurden und die strenge Jury bestrafte selbst kleinste Vergehen, wie Festhalten an den Wanten beim Ausreiten, mit Kringelstrafen. Größere Vergehen wie Kollisionen zogen zudem empfindliche Punktstrafen nach sich, im schlimmsten Fall konnte man sich so trotz nur neun Teilnehmern in einem Lauf 16 Punkte einfangen, was für den Unglücksraben Till Pomarius, deutscher Meister in der J24, nach einem schweren Crash auch genauso eintrat. Wir haben uns jegliche Strafen, Sonnenschüsse und Crashs gespart und kamen so immer recht geordnet durch den Kurs. Nicht besonders traurig waren wir dabei über das Spinnaker-Verbot nach dem ersten Rennen, nachdem auf zwei Booten bereits die Spis gerissen waren.
Der Samstag endete für uns nach sechs rasanten und kräftezehrenden Wettfahrten mit einem leckeren Buffet und einem Segler-Hock im schönen Clubhaus des Hamburger Segel-Clubs auf der Gurlitt-Insel. Am Sonntag startete der Tag bereits um 8:30 Uhr. Das Wetter wurde besser und sogar ein wenig sonnig. Der Wind blieb allerdings stark und böig und eine Sturmfront sorgte gegen Mittag dafür, dass die Vorläufe nach 25 Rennen (davon 8 mit unserer Beteiligung) beendet wurden und gegen 15 Uhr lediglich der Finallauf der bestplatzierten 9 Crews stattfand. Das Ranking aus den Vorläufen sowie die Platzierung im Finallauf bestimmten dann je hälftig die Gesamtplatzierung. Da die Vorrunde mitten in der neunten Fleet-Runde endete, bekamen zwei Drittel der Crews, darunter auch wir, für den neunten Lauf die Durchschnittspunktzahl aus den acht vorherigen Läufen. Letztlich reichte der durchweg überragend segelnden Damencrew um Silke Basedow ein zweiter Platz im Finale für den verdienten Gesamtsieg. Zweiter wurde H-Boot Champion Andi Lachenschmid und Dritter der J22 Meister Wolf Jeschonnek.
Wir kamen auf Basis der Vorlaufergebnisse insgesamt auf den 18. Platz. Der Trend der Seggerlinge zeigt nach zwei MdM-Teilnahmen also steil nach oben. 😉 Deutlich wichtiger war für uns aber das unvergleichliche Erlebnis, bei diesem traditionsreichen Event mitten drin statt nur dabei sein zu dürfen und die seltene Chance zu nutzen, sich mit Deutschlands Besten der Besten messen und trotz teils extremer Wetterbedingungen in diesem illustren Feld bestehen zu können. Das Ganze war nicht zuletzt eine schöne Werbung für die Seggerling-Klasse, die wir so ein wenig bekannter machen konnten, auch weil Guido bei der Anmeldung unser Klassenzeichen statt der Deutschlandflagge gewählt hatte und das kleine Seeungeheuer seither auf allen Melde- und Ergebnislisten prominent vertreten ist.
Insgesamt also ein unvergessliches Wochenende, leider mit nur wenigen Zuschauern, am Samstag wohl auch wegen des unterirdischen Wetters und am Sonntag wegen der Verkehrsbeschränkungen aufgrund des Hamburger Halbmarathons, dessen Strecke u.a. rund um die Alster führte. Umso schöner war es, dass wir am Samstag von Susi und Volker und am Sonntag von Susanne und Peter besucht wurden und somit auch in Sachen Fanblock punkten konnten.
So, der Bericht ist etwas länger geworden als gedacht, aber die nun anstehenden langen Herbst und Winterabende bieten Euch hoffentlich ausreichend Zeit zur Lektüre. Alles Gute für die kommenden Monate und bis bald auf der Boot in Düsseldorf, der Kulturkeule in Augsburg oder der Regattabahn! Und falls jemand für die MdM 2027 einen „erfahrenen“ Vorschoter oder Bowman suchen sollte, ich bin sehr gerne wieder dabei! 😊
Marc (GER 480)
